Angedacht - Beten – Warum?

Papst Franziskus ruft die gläubigen Menschen zu mehr Gebet auf. Wem soll das Beten eigentlich nützen? Genau diese Frage stellte mir in meinem ersten Jahr als Lehrer an der Realschule in Grunbach eine Schülerin. Meine Antwort kam lehrbuchmäßig: „Gott will es aus Liebe, weil er weiß, dass es gut für dich ist“. Die Schülerin schaute mich mit großen Augen an und schwieg. Ich sah ihr an, dass sie mit meiner Antwort nichts anfangen konnte.

Jahre später, wenige Wochen nach der Geburt meines ersten Sohnes, sagte der Arzt in der Kinderklinik in Waiblingen: „Sie müssen sich darauf vorbereiten, dass ihr Sohn die heutige Nacht nicht überleben wird“. Da kommen die Tränen und die Luft ist wie abgeschnürt.

Diese Aussage lehrte mich neu beten. Mein Gebet wurde konkret und ganz persönlich. Plötzlich wurde mir klar, dass ich bisher den Sinn des Betens nicht richtig verstanden habe.

Ich fand Gebete, die um etwas Konkretes bitten, bis dahin suspekt, denn es heißt „Dein Wille geschehe“. Als ob Gott je Gefallen an Krankheit, Tod oder Leid hätte.

Jetzt in der leeren Kirche St. Michael betete ich und mir schien es, dass die Worte, die ich flüsterte, in gewisser Weise nicht von mir alleine gesprochen werden, sondern von allen, die hier gebetet haben und beten werden. Diese Klarheit und Eindeutigkeit kann ich nicht mehr genau wiedergeben, da sie sich in Sekunden Bruchteilen abspielte.

Mein Beten war da und setzte Raum und Zeit außer Kraft. Im nachhinein dachte ich, das Gefühl der Liebe zeigte mir eine Gemeinschaft mit Gott und sprengte so die Grenze von Zeit und Raum auf.

Seit dieser Zeit weiß ich, dass es das Klügste und weiseste ist, was ein Mensch tun kann, nämlich mit einer Kraft in Verbindung zu treten, ohne die kein Herz schlagen kann, ohne die die Seele einsam und verlassen ist.

Seit dieser Zeit erklärte ich meinen Schülerinnen und Schülern, dass intensives Beten Zeit und Raum außer Kraft setzen können, ja alles, mit dem wir als Menschen vertraut sind.

Für mich ist das Gebet bis heute der Ort geblieben, an dem ich meine innigsten Wünsche, Sorgen und Freuden vortragen kann.

Für diesen Ort bin ich sehr dankbar, da ich hier mit mir, Gott und der Welt ins Reine komme.

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie die Kraft der wärmenden Liebe des Gebetes erfahren.

Es grüßt Sie Ihr

Diakon Bernd-Günter Barwitzki, ofs